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Wohnen auf einem Weltkriegsbunker

DORTMUND. Wohnen auf geschichtsträchtigem Boden: Auf dem Grundstück eines ehemaligen Luftschutzbunkers in Dortmund-Hörde entstand ein modernes Backstein-Wohnhaus. In direkter Nähe zum Naherholungsgebiet Phoenix-See und auf den Fundamenten eines Weltkriegs-Relikts.

© Hans-Jürgen Landes (Einreichung im Rahmen des Fritz-Höger-Preises 2017 für Backstein-Architektur.)

© Hans-Jürgen Landes (Einreichung im Rahmen des Fritz-Höger-Preises 2017 für Backstein-Architektur.)

Man darf das Areal, auf dem dieses Einfamilienhaus steht, mit Fug und Recht als historisch aufgeladen bezeichnen. Hier haben sich Menschen vor den Bomben des Zweiten Weltkriegs zu schützen versucht. Hier wurde vor über 75 Jahren unter der Erde massiver Beton verbaut. Der Tiefbunker bot einst 138 Sitzplätze und wurde eigens für Werksdirektoren und höhere Angestellte des nahe gelegenen Stahlwerks Phoenix-Ost gebaut. Ein besonderer Ort also, auf dem das Büro Schamp & Schmalöer Architekten Stadtplaner im Jahr 2015 ein architektonisch ambitioniertes Wohnhaus errichtete.

Angesagter Stadtteil


Aber nicht nur die bewegte Geschichte macht das Grundstück für das Einfamilienhaus besonders, es befindet sich außerdem in unmittelbarer Nähe des Phoenix-Sees im ehedem industriell geprägten, inzwischen sehr angesagten Dortmunder Stadtteil Hörde. Das nennt man wohl eine privilegierte Wohnlage.

Fünf Meter ins Erdreich

Vor dem eigentlichen Baubeginn galt es zunächst das ungewöhnliche Grundstücksfundament und die größtenteils unterirdische Bunkeranlage zu erforschen. Der Bunker reicht in einer Tiefe von etwa fünf Metern ins Erdreich hinunter und nimmt eine Fläche von rund 150 Quadratmetern ein. In den Jahren vor 2015 wurde er für Kunstausstellungen und andere Events genutzt. Nach intensiver statischer Überprüfung stand fest: Das über 75 Jahre alte Bauwerk stellte ein solides Fundament für einen Neubau dar.

Zweigeschossig bauen

Für das Architekturbüro Schamp & Schmalöer war klar: Gebaut werden sollte zweigeschossig auf exakt den 150 Quadratmetern, die der unterirdische Bunker vorgab. Deshalb richtet sich das Haus auch leicht nach Südosten aus, direkt zum stark frequentierten Fuß- und Radweg zum Phoenix-See. Das Grundstück, mit den drei oberirdischen Zugängen zum Bunker, von denen einer sogar in den Grundriss des Hauses integriert wurde, liegt in Randlage zum aufstrebenden Stadtteil Hörde.

Kohlebrand-Klinker für die Fassade

Die Fassade des Wohnhauses ist mit Kohlebrand-Klinkern ausgeführt. Bauherr und Architekt Richard Schmalöer entschied sich für einen Wasserstrich-Verblender, den er im sogenannten wilden Verband anordnete. Aufgrund der Unregelmäßigkeit des Klinkers changiert der äußere Eindruck des Gebäudes je nach Lichtverhältnissen und Sonneneinfall.

Kunstgriff

Das Haus punktet indes noch mit einem außergewöhnlichem Kunstgriff: Mit zwei großen Fensteranlagen vom Wohn- bzw. Esszimmer zum Patio lässt sich der Grundriss vollständig umwandeln! Bei schönem Wetter erhält man durch Verschieben dieser mobilen Elemente einen etwa 80 Quadratmeter großen Außenwohnraum. Diese Wandelbarkeit des Grundrisses ist für ein Haus in einem verdichteten städtischen Umfeld ideal und erhöht die Wohnqualität deutlich.

16 Meter lange Lamellenwand

Um sich vor allzu neugierigen Blicken von Nachbarn oder Passanten zu schützen, wurde für diese „Verwandlung“ eine 16 Meter lange Lamellenwand aus maurisch anmutendem Lochblech gewählt. Sie wird geöffnet, wenn die Familie den Blick auf den Ortsteil genießen möchte, und geschlossen, wenn sich die Bewohner vor den Blicken der Passanten schützen wollen. Dann sitzt der Hausherr mit seiner Familie hinter dieser Filterwand in einem Patio, den er schon seit seinen Studienjahren in Südeuropa realisieren wollte, und erfreut sich an der Sonne. Denn die scheint direkt in den Innenhof.

Entlüftungsanlage

Obwohl die Technik des Gebäudes auf ein Minimum beschränkt werden sollte, wurde eine Be- und Entlüftungsanlage eingebaut. Der Grund dafür ist nachvollziehbar: Vor allem nachts produzieren eine nahe Bahnstrecke sowie eine ebenfalls nicht weit entfernte Umgehungsstraße störende Geräusche. Eine einfache Gasbrennwerttherme und ein kleines Solarpaneel auf dem Dach sorgen für Wärme und Warmwasser in dem gut gedämmten Haus.

Verdienst des Bauherren

In Dortmund-Hörde entstand ein modernes Eigenheim aus Backstein an exponierter Stelle. Dass die außergewöhnliche Historie des Ortes weiterhin ablesbar bleibt, ist ein Verdienst des Bauherrn.

27 Social Housing | Luis Martínez Santa-Maria | © Roland Halbe | Einreichung im Rahmen des Fritz-Höger-Preises 2014