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Fritz-Höger-Preis 2014

Erinnerung und Neuerfindung

BERLIN/MADRID. Die Werke von Nieto Sobejano Arquitectos leben von dem einfühlsamen, individuellen Umgang mit dem jeweiligen kulturellen Kontext und seiner Geschichte. Das Ergebnis ist eine Vielzahl an realisierten, preisgekrönten Museumsbauten, Theatern oder Konzerthäusern, welche weltweit Maßstäbe setzen und einen wichtigen Bestandteil der internationalen zeitgenössischen Architekturszene bilden. Drei Museen mit drei verschiedenen Ansätzen, Nutzungen und Hintergründen zeigen exemplarisch die Vielfalt des spanischen Architekten-Duos.

Fotos © Roland Halbe, Fernando Alba

Fotos © Roland Halbe, Fernando Alba

Umbau und Erweiterung der Moritzburg in Halle an der Saale

Blick von der gefalteten Dachstruktur auf die historische Altstadt von Halle an der Saale.
</br>Foto © Ronald Halbe
Blick von der gefalteten Dachstruktur auf die historische Altstadt von Halle an der Saale.
Foto © Ronald Halbe

Gegensätze ziehen sich an und erschaffen gemeinsam etwas aufregendes Neues. Genauso verhält es sich auf vielschichtige Weise mit dem Um- und Erweiterungsbau des Kunstmuseums Moritzburg. Der lebendige Wettbewerbsbeitrag verbindet auf raffinierte Weise das geschichtsträchtige Bauensemble der Moritzburg, füllt die räumlichen Lücken auf und ist somit nicht nur als Erweiterungsbau zu sehen.

 

Das Konzept der spanischen Architekten ist einfach wie komplex: Die Hauptstruktur bildet eine mit Aluminium bekleidete, bewegte Dachlandschaft, die sich als verbindendes Glied plastisch über das Bauensemble hebt und senkt und dezent von den massiven Mauern der Burg flach zurückweicht. Die Dachskulptur bezieht sich auf die bestehenden historischen Satteldächer und Giebel der umliegenden historischen Altstadt.

 

Die Meister der subtilen Fassadengestaltung beweisen hier erneut, wie man gerade nach Außen hin souverän Altes und Neues verbindet und aus der Kombination von historischem Mauerwerk und modernem Aluminium-Paneelen ein stimmiges Ganzes schafft.

 

Alle neu gebildeten Ausstellungsräume sind von der Dachstruktur abgehangen und über grazile Galeriegänge erreichbar, welche in den beiden Hauptflügeln die Außenwände flankieren. Hier eröffnen sich weitläufige Ausblicke auf die Türme der Altstadt und die Plattenbauten der Neustadt. Dieses Gefüge von Räumen im Raum lässt die Hauptflügel somit als weitläufige und hohe Raumkörper bestehen, welche von akzentuierten Oberlichtern – die weit oben in der Dachstruktur sitzen – großzügig mit Tageslicht belichtet werden.

 

Die Außenmauern des Westflügels sind steinsichtig belassen und werden so selbst zum Teil der Ausstellung in Erinnerung an die bewegte Geschichte der Burg.

 

Das spanische Architektenduo hat mit dieser raffinierten und hochmodernen Ergänzung das 500 Jahre alte Bauensemble in seinem Stückwerk nicht nur neu verbunden und aufgewertet, sondern auch baugeschichtlich ergänzt. Das Gemenge aus historischen Baustilen und Formen aus verschiedenen Epochen wird um diesen Beitrag aus der Moderne ergänzt. Ein Bauwerk, das einen spannenden Dialog zwischen Alt und Neu schafft und die Moritzburg in das 21. Jahrhundert verortet.


Contemporary Art Center in Córdoba

Die Fassade des Contemporary Art Centers wird bei Dunkelheit mit Lichtinstallationen bespielt, welche sich im Guadalquivir-River widerspiegeln.
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Die Fassade des Contemporary Art Centers wird bei Dunkelheit mit Lichtinstallationen bespielt, welche sich im Guadalquivir-River widerspiegeln.
Foto © Ronald Halbe

Das Zentrum für zeitgenössische Kunst in Córdoba ist ein expressiver Neubau, der idyllisch gelegen am Guadalquivir River, eine beeindruckende Präsenz ausstrahlt. Konzipiert als Ort, an dem sich Künstler, Wissenschaftler, Kunstinteressierte, Besucher und Studenten in einem interaktiven Umfeld austauschen und inspirieren lassen können.

 

Der Einfluss der maurischen Baukultur Córdobas mit ihrer geheimnisvoll anmutenden geometrischen Ordnung und rhythmischen Verschachtelung, führte zur Entwicklung einer Grundform, welche sich überall im Entwurf wiederfindet: das Sechseck. Diese Formgenetik ermöglicht eine scheinbar endlose Aneinanderreihung und schafft so eine räumliche Komplexität, die eine abwechslungsreiche Sequenz von Räumlichkeiten ermöglicht. So gibt es kein räumliches und inhaltliches Zentrum im Gebäudekomplex, was der flexiblen Nutzung und den transformierbaren Bereichen dient. Die schlicht in Beton gehaltenen skulpturalen Innenräume werden durch enorme trichterförmige Lichtschächte mit Tageslicht versorgt und strahlen einen intensiven poetischen Charakter aus. Die pure Materialität ist gleichzeitig als Basis für Installationen und temporäre Umgestaltungen und Umnutzungen geeignet.

 

Die hexagonalen Gebäudeteile ergeben – zusammen mit den dazwischen gelegenen Patios – ein architektonisches Gefüge, welches das Verhältnis von Architektur und Landschaft aufnimmt und neu definiert. Die weiße Außenfassade ist ebenfalls vom Sechseck geprägt und lässt sich durch LED-Beleuchtung mit verschiedenen Lichtinstallationen bespielen, die sich im parallel verlaufenden Fluss widerspiegeln.

 

Mit seiner geographischen Positionierung und seiner interkulturellen programmatischen Ausrichtung steht das Kunstzentrum als Raum für den Dialog von Kunst, Kultur, den Menschen und der Geschichte Córdobas.


Archäologisches Museum Madinat al Zahra in Córdoba

Das preisgekrönte Madinat al Zahra Museum bettet sich in die trockene Wüstenlandschaft Córdobas ein.
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Das preisgekrönte Madinat al Zahra Museum bettet sich in die trockene Wüstenlandschaft Córdobas ein.
Foto © Fernando Alda

Ein weiteres Museum mit gänzlich anderem Hintergrund ist das ebenfalls in Córdoba gelegene archäologische Museum Madinat al Zahra. Eingebettet in die trockene Wüstenlandschaft und umgeben von Olivenbaumhainen beschäftigt sich die Ausstellung inhaltlich mit der maurischen Kultur und Vergangenheit der Region.

 

Das 2010 mit dem Aga Khan Award prämierte Bauwerk steht an der Ausgrabungsstätte der tausend Jahre alten „weißen“ Stadt Madinat al Zahra. Leitmotiv des Entwurfs war der archäologische Bezug zur direkten Umgebung. Um die Ästhetik der weitläufigen Landschaft mit ihren Grabungslöchern und geschichtsträchtigen Ruinen zu wahren, entschieden sich die Architekten das Museum nicht als neue Struktur zu entwickeln, sondern – wie die Archäologen selbst – im Untergrund zu arbeiten.

 

Für den Entwurf wurde ein zweidimensionales orthogonales Raster sowie ein Ursprungspunkt und eine Referenz-Höhe im Untergrund des Geländes festgelegt, an dem Ausgangs-Räume in rechteckigen Boxen angeordnet sind. Von diesen Räumen aus „gruben“ sich die Architekten horizontal und vertikal durch das Terrain und schufen so einen komplexen Grundriss, der sich über zwei Geschosse erstreckt und dessen Raumgrenzen, Patios, Öffnungen und Bewegungsräume sich von oben ablesen lassen. Die Struktur mit ihren Leerräumen, Ebenen, engen und weiten Räumen erinnert an die Organisation der alten arabischen Städte und weist so eine weitere Referenz zu der anliegenden Grabungsfläche auf. Die angelegten Grünflächen und vom ebenen Terrain aus begehbaren Dachflächen scheinen geometrische Abdrücke einstiger Ausgrabungen darzustellen.

 

Als Materialien wählten die Architekten roten Corten-Stahl und weißen Beton. In ihrer Farbigkeit und Schlichtheit lehnen sich die Stoffe an die rote Landschaft und die weißen Überreste von Madinat al Zahra an. Das Museum fügt sich behutsam und zurückhaltend in den geschichtsträchtigen Kontext ein und scheint als wäre es gerade erst im Untergrund freigelegt worden. Genau so wie es mit den Überresten der alten weißen Kalifen-Stadt weiterhin geschehen wird.


Fritz-Höger-Preis 2014: Prof. Enrique Sobejano als Jury-Mitglied bestätigt

Nieto Sobejano Arquitectos schaffen es, auf Basis der Erinnerung Neues zu entwickeln, mit dem Anspruch nicht nur eine Erfindung, sondern eine Transformation zu generieren. „Erinnerung ist immer da. Ich glaube nicht, dass wir uns etwas vorstellen können, solange wir nicht das Vorherige haben. Wenn wir unsere Projekte entwickeln, schöpfen wir aus unserer Erinnerung.“ so Prof. Enrique Sobejano (im Interview mit Ana-Maria Souca und Ludwig Eith am 23. März 2012). Das scheinbar unerschöpfliche gestalterische Potenzial, welches er und seine Partnerin Fuensanta Nieto den verschiedenen Bauaufgaben entlocken und souverän umwandeln, spiegelt sich in einer Fülle hochkarätiger Arbeiten wider.

 

Aus diesem Grund freuen wir uns ganz besonders darüber, dass Prof. Enrique Sobejano die Jury des Fritz-Höger-Preises 2014 komplettieren wird.

 


Hintergrundbild: Education Center Nyanza, Dominikus Stark Architekten; Foto © Florian Holzherr (Einreichung im Rahmen des Fritz-Höger-Preises 2011)