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Fritz-Höger-Preis 2014

In Erinnerung an Dieter Bartetzko

FRANKFURT AM MAIN. Dieter Bartetzko hatte ein feines Gespür für die schönen Dinge. Als Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Zeitung schrieb er seit 1994 nicht nur über Architektur, sondern auch über musikalische Themen wie Chansons und Musicals. 2006 wurde er für sein journalistisches Schaffen mit dem BDA-Preis für Architekturkritik ausgezeichnet. Am 19. Mai 2015 verstarb Dieter Bartetzko im Alter von 66 Jahren.

Dieter Bartetzko, Architekturkritiker und Journalist, verstarb im Alter von 66 Jahren in Frankfurt am Main.
<br>Foto © Initiative Bauen mit Backstein

Dieter Bartetzko, Architekturkritiker und Journalist, verstarb im Alter von 66 Jahren in Frankfurt am Main.
Foto © Initiative Bauen mit Backstein

In Ausgabe 22/2015 schrieb DER SPIEGEL über Dieter Bartetzko „Er war ein Liebhaber der Schönheit, ein Bewahrer und Schützer der Tradition und der empathische Freund einer Moderne, die sich ihrer Geschichte bewusst ist und sie angemessen in eine neue Zeit überführt.“

 

Diese treffenden Worte über die Persönlichkeit und Arbeit des großen Architekturkritikers spiegeln sich wider in der Laudatio, die er im Frühjahr 2011 anlässlich der Verleihung des Fritz-Höger-Preises in Berlin gehalten hat.

 

In Erinnerung an Dieter Bartetzko haben wir nachfolgend den Text seiner Laudatio veröffentlicht.

Irgendwas, das bleibt ... | Dieter Bartetzko über die Beständigkeit von Backstein-Architektur

Gib mir ein kleines bißchen Sicherheit

Im Zusammenhang mit dem Fritz-Höger-Preis über die zwanziger Jahre und ihre Architektur zu sprechen ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. In diesen Tagen aber kann man auch von Notwendigkeit reden. Notwendig darum, weil wir momentan auf eine kollektive Gemütslage zusteuern, vielleicht sogar schon mitten darin sind, die dem allgemeinen Befinden der deutschen Gesellschaft zwischen 1918 und 1933 nahezu aufs Haar gleicht. „Pendelnd zwischen Abgrundahnung und Luftschifferglück“ – so hat der Kulturhistoriker Hermann Glaser einmal die Stimmungslage der Weimarer Republik charakterisiert. Und auch wir pendeln – nur dass der Ausschlag immer häufiger in Richtung Abgrundahnung geht: Kaum ist die jüngste weltweite Finanz- und Bankenkrise, die die Bundesrepublik an den Rand des Abgrunds geführt hat, einigermaßen glimpflich überstanden, droht der sogenannte europäische Rettungsschirm Deutschlands letzte finanzielle Reserven aufzuzehren. Deutschlands? Oder vielleicht doch eher der Steuerzahler, vor allem die des Mittelstands, also der eigentlich staatstragenden Mehrheit?

 

Diese Mehrheit – ich wage zu behaupten: wir – verfolgten vor einiger Zeit mit angehaltenem Atem, wie binnen weniger Tage Milliarden zur Rettung maroder Banken flüssig gemacht wurden, und verfolgten fassungslos weitere endlose Streitereien unserer Politiker.

 

Tunesien, Algerien, Bahrain, Jemen, Libyen und die Elfenbeinküste und Lampedusa, Schreckensworte, die nur noch übertroffen werden von solchen wie Tsunami, Supergau und Fukushima. Der Grundschrecken aber all dieser Ereignisse sind die Lebensbedingungen des medialen Zeitalters. Nicht mehr täglich, wie noch vor zwei Jahrzehnten, sondern stündlich, ja minütlich prasseln die skizzierten Schreckensnachrichten auf uns ein und dank iPads und Handys sind wir jederzeit bei allen diesen Katastrophen hautnah dabei. Es sei denn, wir beamen uns zur Erholung in Sekundenbruchteilen in irgendein Tennismatch, eine Weltmeisterschaft oder auf Livekonzerte in irgendeiner tosenden Riesenarena.

 

Vielleicht auf eines der derzeit beliebtesten deutschen Rockpopband, Silbermond nämlich. Deren bisher größter Hit war „Irgendwas, das bleibt“. Ich zitiere: „Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit. In einer Welt, in der nichts sicher scheint. Gib mir in dieser schweren Zeit irgendwas, das bleibt. Gib mir einfach nur ein bisschen Halt. Und wieg mich einfach nur in Sicherheit. Hol mich aus dieser schnellen Zeit, nimm mir ein bisschen Geschwindigkeit, gib mir was, irgendwas, das bleibt.“


Nomadenzelte aus Stahl und Beton

Dieter Bartetzko bei seiner Laudatio im Rahmen der Verleihung des Fritz-Höger-Preises 2011 für Backstein-Architektur.
<br>Foto © Initiative Bauen mit Backstein
Dieter Bartetzko bei seiner Laudatio im Rahmen der Verleihung des Fritz-Höger-Preises 2011 für Backstein-Architektur.
Foto © Initiative Bauen mit Backstein

Sie werden sich fragen, was all das mit Architektur, Backstein, Fritz Höger und den zwanziger Jahren sowie mit dem heutigen Bauen zu tun haben soll. Sehr viel, meine ich, und das möchte ich nun sofort darlegen. Beginnen wir mit der eingangs zitierten Unsicherheit der Weimarer Republik, die Hermann Glaser als „Abgrundahnung“ auf den Begriff gebracht hat und von der ich wiederum eben gesagt habe, dass sie auch unsere Gegenwart prägt: Was heute die in immer kürzeren Abständen sich wiederholenden Finanzkrisen sind, waren unseren Groß- und Urgroßvätern die Inflation am Anfang und der Börsenkrach – Stichwort Schwarzer Freitag – am Ende der Weimarer Republik. Bürgerkriege und Revolution, wie sie uns umgeben, waren auch damals an der Tagesordnung. Und das Gefühl einer atemberaubenden Beschleunigung der Zeit, das uns mit der globalen Computerisierung erfasst hat, hat seine passgenaue Entsprechung im ungeheuren Dynamismus, der in den zwanziger Jahren alle Lebensbereiche erfasste.

 

Was Wunder also, dass auch damals die sogenannte Unterhaltungsmusik, dieser Seismograf, um nicht zu sagen Geigerzähler kollektiver Stimmungen und Kontaminationen, unentwegt vom neuen Tempo, vom alles mitreißenden Rhythmus der neuen Zeit sang. Stellvertretend für Dutzende Hits, die in den Roaring Twenties im Charleston- und Quickstepp-Rhythmus den verunsicherten Menschen aus der Seele röhrten, möchte ich den Gassenhauer „Es liegt in der Luft“ von Mischa Spoliansky und Marcellus Schiffer zitieren, das Titellied einer ungeheuer erfolgreichen Berliner Revue, die das Phänomen der Neuen Sachlichkeit aufs Korn nahm und mitten in ihm das des Neuen Bauens.

 

Womit wir endlich auch auf dem Gebiet der Architektur angelangt sind. Wem Spoliansky/Schiffer als Zeitzeugen zur Aussagekraft der damaligen modernen Architektur zu unseriös erscheinen, der sei auf den Philosophen Ernst Bloch aufmerksam gemacht. In seinen ersten Aufzeichnungen zu seinem späteren Hauptwerk „Das Prinzip Hoffnung“ schreibt er in den frühen dreißiger Jahren, die Architektur eines le Corbusier, Mies van der Rohe oder Wolfgang Hilbersheimer wirke steril und „wie reisefertig“. Das Gefühl von Unstetigkeit, Unbehaustheit und ständiger Unruhe, das er aus linker Perspektive beobachte, bemerkten auch und erst recht konservative und reaktionäre Kreise. Werner Hegemann zum Beispiel schrieb in seiner berühmt gewordenen Kritik der Stuttgarter Weissenhofsiedlung, ihre radikal funktionalistischen Bauten seine „Nomadenzelte aus Stahl und Beton, gemacht für den unstet schweifenden Intellektuellen der neuen unsteten Zeit.“

 

Hegemann, ein scharfsinniger, um Ausgleich bemühter Geist, verband sein vernichtendes Urteil mit einem Plädoyer für gemäßigtere Varianten des Neuen Bauens; Heinrich Tessenow etwa oder Paul Bonatz. Doch nicht Hegemann und andere Besonnenere setzten sich durch, sondern die braunen Fraktionen. Im Klartext: Hitler, vertreten durch Albert Speer, Paul Troost und Dutzende willfähriger Architekten, bannten die verunsicherten Massen durch ihre sogenannten „Worte aus Stein“, Bauten, deren antikisierende Grundzüge einen Ewigkeitspathos aussandten, das die beunruhigende Reisefertigkeit der Moderne vergessen und die Phrase vom unvergänglichen „Tausendjährigen Reich“ als verlässliche Wahrheit erscheinen ließ.

 

So setzte sich durch, was Ernst Bloch in seinem erwähnten Essay vorausgesehen hatte. Die kommende Architektur, so schrieb er darin, werde als Gegenreaktion auf Sterilität und Haltlosigkeit des Funktionalismus den Charakter von Burgen, wenn nicht Bunkern annehmen. Doch so weit hätte es nicht kommen müssen. Denn wie schon gesagt frönten nicht alle Architekten der zwanziger Jahre dem besinnungslosen Dynamismus und der Reisefertigkeit, war nicht jeder modern bauende Architekt dem Masochismus der Manifeste von Marinetti und Le Corbusiers Charta von Athen verfallen, die, unbeirrt von allen kollektiven und auch den eigenen Bedürfnissen und Ängsten, erklärt hatten: „Unsere Häuser werden eine kürzere Lebensdauer haben als wir selbst und jede Generation wird ihre eigenen Häuser bauen müssen.“


Der Backstein als Inbegriff von Dauer und Zuverlässigkeit, zeitloser Schönheit und Eleganz

Dieter Bartetzko bei der Eröfffnung der Wanderausstellung zum Fritz-Höger-Preis 2011 für Backstein-Architektur.
<br>Foto © Initiative Bauen mit Backstein
Dieter Bartetzko bei der Eröfffnung der Wanderausstellung zum Fritz-Höger-Preis 2011 für Backstein-Architektur.
Foto © Initiative Bauen mit Backstein

Hier kommen nun endlich Fritz Höger und der Backstein ins Spiel: Ausführlich zu erläutern, was sein Chile-Haus, seine Kirchenbauten oder Verlagshäuser für das Neue Bauen, den Expressionismus und den Backsteinbau schlechthin bedeuten, hieße Eulen nach Athen tragen. Für unseren Zusammenhang genügt es, darauf hinzuweisen, dass Fritz Högers Architektur der Ausgleich zwischen dem Dynamismus der zwanziger Jahre und ihrem Streben nach Halt gelang, dass er mittels seiner Bauten gleichsam einen Fortschritt mit Bodenhaftung, einen amerikanischen Fordismus mit hanseatischer Gediegenheit verband. Sein wichtigstes und suggestivstes Hilfsmittel dabei war der Backstein, der allgemein als Inbegriff von Dauer und Zuverlässigkeit, zeitloser Schönheit und jedem Stilwechsel gewachsener Eleganz galt.

 

Eben dieser Eigenschaft verdankt der Backstein auch, dass er als einziges traditionelles Baumaterial die Funktionalismushörigkeit des Wiederaufbaus nach 1945 überstand und sogar, wenn auch meist nur zur schmückenden Dreingabe degradiert, die Ära des Betonbrutalismus. Seit der Kehrtwende der Postmoderne in den achtziger Jahren, die nicht nur sämtliche Stile, sondern auch alle althergebrachten Baumaterialien vom Werkstein über Holz bis hin zu Backstein rehabilitierte, und seit der zweiten Moderne, die ihr als nun endlich gemäßigte Moderne folgte, ist die Verwendung von Klinker, Ziegel und Majolika wieder selbstverständlich.

 

Backstein gehört zum Gestaltungsreservoir all derer, die Vittorio und Magnago Lampugnanis Mahnung ernst nehmen, angesichts der rasend schnellen Entwicklung unseres telematischen Zeitalters müsse zeitgenössische Architektur Inseln im Strom der Zeit bieten. Fünfzehn Jahre ist das her – und damals belächelten nicht wenige Architekten diese Forderung als verkappte Rückwärtsgewandtheit. Heute, während sich auf der Insel Lampedusa Tausende Flüchtlinge drängen und die Datenströme des telematischen Zeitalters uns mit der Stärke von Tsunamis durch Zeit und Raum wirbeln, müssen wir erkennen, dass eine derartige Insel-Architektur notwendig ist wie nie. So ist denn auch der Backstein, dieses Synonym von Dauerhaftigkeit und Solidarität, begehrter denn je. Ein Blick auf die Bauten der diesjährigen Träger des Fritz-Höger-Preises und man erkennt, dass sie bei aller formalen und funktionalen Unterschiedenheit eines gemeinsam haben: die Aura des Beständigen, Bergenden, Schützenden.


Backstein gehört zu den Rettungsankern, an denen wir uns festhalten können

Wir sind auf der sicheren Seite: Dieser Satz ist in den letzten Jahren zur lügnerischen Phrase von kurzsichtigen Politikern, unseriösen Bankern und profitgierigen Immobilienspekulanten verkommen. Auch jede gute Backsteinarchitektur versichert ihren Betrachtern und Benutzern, sie seien auf der sicheren Seite. Umso größer ist die Verantwortung für Bauherren und Architekten, für welche Zwecke sie die Suggestion des Backsteins einsetzen: Ob zur Täuschung oder Stärke derer, die mit solcher Architektur umgehen. Lassen Sie mich abschließend aus Italo Calvinos Essaysammlung „Die unsichtbaren Städte“ zitieren, die 1972 auf dem Höhepunkt des Betonbrutalismus niedergeschrieben und 1985 als Postmoderne sich durchsetzte, mit Riesenerfolg wiederveröffentlicht wurde: Die Hölle, so sagt darin der Weltreisende und Städteliebhaber Marco Polo, „ist nicht etwas, was sein wird; gibt es eine, so ist es die, die schon da ist, die Hölle, in der wir tagtäglich wohnen, die wir durch unser Zusammensein bilden. Zwei Arten gibt es, nicht darunter zu leiden. Die eine fällt vielen recht leicht: die Hölle zu akzeptieren und so sehr Teil davon zu werden, dass man sie nicht mehr erkennt. Die andere ist gewagt und erfordert dauernde Vorsicht und Aufmerksamkeit: suchen und zu erkennen wissen, wer und was inmitten der Hölle nicht Hölle ist, und ihm Bestand und Raum geben.“

 

In diesem Sinne beglückwünsche ich die Preisträger, dass sie mit ihren Backsteinarchitekturen Bauten von Bestand geschaffen haben, die der Hölle etwas entgegensetzen. Oder frei nach Silbermond: Sie alle haben etwas gebaut, das bleibt. Wir leben auf der schiefen Ebene – Backstein gehört zu den Rettungsankern, an denen wir uns, wenn es gut geht, festhalten können.

 

Dieter Bartetzko (Frankfurter Allgemeine Zeitung)


Hintergrundbild: Education Center Nyanza, Dominikus Stark Architekten; Foto © Florian Holzherr (Einreichung im Rahmen des Fritz-Höger-Preises 2011)