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Glasfraktion gegen Steinfreunde

28.06.2004

(KK). Zwei Architektenverbände warnen, Glasfassaden würden Hamburgs Stadtbild stören. Ob das stimmt oder nicht, sei dahingestellt. Fakt ist, dass sich die Glasbauten im Sommer aufheizen und nur unter hohem Energieaufwand heruntergekühlt werden können, so die Studie „Glasarchitektur – Lehren aus einem Großversuch des Darmstädter Instituts für Wohnen und Umwelt“.

Ein Backsteingebäude sorgt für hanseatische Atmosphäre: hier das Störtebeker Haus in Hamburg. Das im Stadtteil Hamm errichtete Geschäftshaus aus Backstein wurde 2004 im Gründerzeitstil erbaut. 
(Foto: Animationszeichnung Achim Becker/Bauen mit Backstein)

Ein Backsteingebäude sorgt für hanseatische Atmosphäre: hier das Störtebeker Haus in Hamburg. Das im Stadtteil Hamm errichtete Geschäftshaus aus Backstein wurde 2004 im Gründerzeitstil erbaut. (Foto: Animationszeichnung Achim Becker/Bauen mit Backstein)

Geliebter Backstein
Ob Hamburg den Backstein prägte oder ob die roten Steine der Stadt ihren Stempel aufdrückten, gleicht der Frage nach der Henne und dem Ei. Fest steht jedenfalls, dass diese Architektur heute aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken ist. Die meisten Hamburger lieben ihre Backsteinfassaden und blicken stolz auf großartige Bauwerke wie die gründerzeitliche Speicherstadt, das in den 1920er Jahren erbaute Chilehaus – oder auch am Stadtrand auf gemütliche Familienhäuser im Friesenhausstil.

 

Doch in den vergangenen Jahrzehnten schoben sich immer mehr gläserne Fronten vor die roten Gebäude. „Aus Richtung Reeperbahn wird der Michel von einem nichts sagenden Neubau verdeckt, der im Eckbereich so hoch gebaut wurde, dass unser Wahrzeichen, der Michel, völlig versteckt wird“, heißt es erbost in einem Leserbrief an das Hamburger Abendblatt. Glas oder Backstein – über diese Frage diskutieren in der Hansestadt nicht nur die Bürger, sondern auch die Architekten.

 

Auslöser der Debatte war das Störtebeker-Haus im Stadtteil Hamm, das zur Zeit das Büro Tippke im Gründerzeitstil baut. „Der anfängliche Wunsch, dass sich die traditionelle Bebauung in einer Glasfassade spiegelt, hebt sich Zug um Zug auf, sobald ähnliche Gebäude aneinander gereiht werden“ , erklärt beispielsweise Hans-Ulrich Zöllner vom BDB im Hamburger Abendblatt. Hadi Teherani, der zur Zeit an riesigen Glasprojekten in Hamburgs neuer Hafen-City als Architekt mitwirkt, hält in der Morgenpost dagegen: „Die Frage pro oder kontra Hochhaus, pro oder kontra Klinker ist müßig, solange es nicht um Standorte geht. In der Hafen-City wird man anders entscheiden als in der Altstadt.“

 

 „Wir kochen hier“
Ob Glaspaläste ein Stadtbild stören oder nicht, mag eine Geschmackssache sein. Weitaus wichtiger ist die bautechnische Problematik. Und das betrifft längst nicht nur Hamburg, sondern auch andere Großstädte wie Frankfurt, Berlin oder Düsseldorf. Der Dipl.-Ing. Werner Eicke-Henning vom Darmstädter Institut für Wohnen und Umwelt ging im Mai vergangenen Jahres 24 Gebäude – überwiegend Bürohäuser bzw. -Nichtwohngebäude – ab und maß Außen- sowie Innentemperatur. Standen die Bauten nicht für Besucher offen, zog er Analysen und Zustandsbeschreibungen aus verschiedenen Literaturquellen hinzu.

 

Obwohl die Untersuchungsobjekte sehr unterschiedlich waren – sie reichten von Großbauten mit doppelschaliger Glasfassade bis zu Häusern mit einfachen Glasfassaden oder Teilflächen aus Glas – ergab sich ein einheitliches Bild: Die Innentemperaturen lagen im Sommer tagsüber weit über den Außentemperaturen. Zwar wurden im so genannten Jahrhundertsommer auch Bauten mit zweischaligem Mauerwerk warm, aber nie stieg bei verschatteten Fenstern die Innen- über die Außentemperatur. Typische Massivbauten lagen maximal bei 27 bis 28 Grad Celsius, wenn draußen 35 bis 37 Grad herrschten. In nicht klimatisierten Glashäusern war das eine normale Raumtemperatur. „Wir kochen hier“, erzählte beispielsweise die Leiterin einer Kindertagesstätte (Baujahr 1991) der Stadt Frankfurt am Main. Bei den Messungen im August hatte das innere Treppenhaus morgens um halb elf bereits 34,8 Grad. Sonnenbeschienene Rahmen, Glasbausteine und Verglasungen waren 46 Grad warm.

 

Ähnliche Spitzentemperaturen ergaben sich im Stuttgarter Haus des Architekten (Baujahr 1993). Das Foyer, Treppenhaus und der große Vortragssaal sind großflächig verglast und besitzen offenbar zu kleine Lüftungsöffnungen. An Verschattungselemente hat beim Bau niemand gedacht. Werner Eicke-Hennig maß im August im Obergeschoss 47 Grad, draußen waren es nur 34.

Hintergrundbild: Geschäfts- und Bürogebäude Domstraße, schenk+waiblinger architekten, Hamburg; Foto © schenk+waiblinger (Einreichung im Rahmen des Fritz-Höger-Preises 2011)