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Im Interview

Weniger ist manchmal mehr

Bescheidenheit ist eine Tugend – dieses Sprichwort gilt umso mehr, wenn es darum geht, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Das bei aller ökonomischen Effizienz weder die architektonische noch die städtebauliche Qualität leiden müssen, verdeutlicht das Siedlungsprojekt Lakerlopen. VORteile sprach mit Hans van der Heijden, Architect-Director von biq stadsontwerp und Gewinner des Fritz-Höger-Preises 2011 für Backstein-Architektur.

Anneke Bokern im Gespräch mit Hans van der Heijden.

Anneke Bokern im Gespräch mit Hans van der Heijden.

SIE HABEN IM EINDHOVENER STADTTEIL LAKERLOPEN IM RAHMEN EINES STADTERNEUERUNGSPROJEKTS EIN WOHNVIERTEL MIT 161 WOHNUNGEN REALISIERT. WAS FÜR EIN VIERTEL IST LAKERLOPEN?

Hans van der Heijden: Lakerlopen war ursprünglich eine Stadterweiterung, liegt aber heute im Stadtzentrum von Eindhoven. Mit seinen kleinmaßstäblichen Einfamilienhäusern ist es eine Gartenstadt – aber die niederländische Version einer Gartenstadt, denn man sieht wenig Gärten. Es gibt sie zwar, aber sie liegen hinter den Häusern, während das Viertel von der Straße aus betrachtet eher steinern wirkt. Die ursprüngliche Bebauung stammt aus den zwanziger, dreißiger und fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts und war damals für Arbeiterfamilien mit geringem Einkommen gedacht. Das Viertel bestand aus schmalen Straßen mit kleinen Häusern, die in Eindhoven als „halbe Häuser“ bekannt sind. Typisch für diese Häuser ist eine niedrige Dachtraufe und ein Dachgeschoss mit ein paar winzig kleinen Zimmerchen. Weil der Wohnraum so beengt war, wohnte man viel auf der Straße, so dass sich eine sehr volkstümliche Straßenkultur entwickelte.

 

ICH NEHME AN, DASS DAS ARBEITERVIERTEL KOMPLETT AUS SOZIALEN MIETWOHNUNGEN BESTAND?

Hans van der Heijden: Ja, das stimmt. Ein wichtiges Ziel des Stadterneuerungsprojekts war es daher, sozialen Aufstieg innerhalb des Viertels zu ermöglichen und Bewohner, die inzwischen mehr Geld verdienen, an das Viertel zu binden. Letztlich ist ein gemischtes Programm entstanden, von sehr günstigen sozialen Mietwohnungen bis hin zu Eigentumswohnungen im mittleren Preissegment. Es gibt auch einige betreute Wohnungen für geistig Behinderte.

 

WER WAR DER AUFTRAGGEBER?

Hans van der Heijden: Das waren zwei lokale Wohnungsbaugesellschaften, Trudo und Woonbedrijf, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Woonbedrijf ist eine ganz klassische Wohnungsbaugesellschaft mit langer Tradition, während Trudo eher ein junger und aufgeschlossener Betrieb ist. Keine ganz einfache Ausgangslage, wie Sie sich denken können.

 

UND WIE SIND SIE AN DEN AUFTRAG GEKOMMEN? GAB ES EIN AUSWAHLVERFAHREN ODER EINEN WETTBEWERB?

Hans van der Heijden: Es war ein Auswahlverfahren, bei dem verschiedene Parteien ein Architekturbüro vorschlagen durften. Wir wurden von MUST vorgeschlagen, dem Städtebaubüro, das den Masterplan für das Erneuerungsgebiet gemacht hatte. MUST war auf ein Renovierungsprojekt aufmerksam geworden, das wir zuvor in einer Gartenstadt in Schiedam durchgeführt hatten. Darum haben sie uns eingeladen – und letztlich bekamen wir den Auftrag.

 

DIE 161 NEUBAUTEN ERSETZEN 134 ABGERISSENE ALTBAUTEN. WIESO HABEN STADT UND WOHNUNGSBAUGESELLSCHAFTEN SICH ZUM ABRISS ENTSCHLOSSEN?

Hans van der Heijden: Die Häuser stammten aus der Nachkriegszeit und waren viel zu klein, denn sie hatten kaum mehr als 60 oder 70 Quadratmeter Wohnfläche zu bieten. Jetzt liegen die Wohnungsgrößen zwischen 130 und 150 Quadratmetern, was für niederländische Verhältnisse sehr großzügig ist.

 

ICH HABE GELESEN, DASS ES EINEN DIALOG MIT DEN BEWOHNERN ÜBER DAS NEUBAUPROJEKT GAB. WOBEI DURFTEN DIE BEWOHNER MITREDEN?

Hans van der Heijden: Das hat eigentlich schon stattgefunden, bevor wir ins Spiel kamen. Als das Projekt noch in den Kinderschuhen steckte, hatte die Gemeinde zunächst einen eigenen Plan entwickelt, der vorsah, die alte Bebauung durch ein typisches Mittelklasse- Vorstadtparadies vom Fließband zu ersetzen: lange Straßen mit identischen Reihenhäusern. Dagegen haben die Bewohner damals lautstark protestiert, bis der Plan vom Tisch war. Dann wurde das Städtebaubüro hinzugezogen und nahm den Dialog mit den Bewohnern auf. Daraus entstand die Idee, ein variationsreiches Netzwerk aus Straßen und Plätzen zu entwickeln, das das Wohnen auf der Straße weiterhin ermöglicht, indem die Autos im Inneren der Blöcke geparkt werden. Als wir dann hinzukamen, war es unsere Aufgabe, dieses Puzzle zu lösen: Wieviele Parkplätze brauchte man genau? Wie gestaltet man die Innenhöfe? Wie können die Wohnungsgrundrisse aussehen?Vor allem die Ecklösungen waren schwierig. In der alten Gartenstadt gab es bereits Eckbauten, aber in anderer Form. Nun stellte sich die Frage nach einer zeitgemäßen Umsetzung dieser historischen Motive.

 

DAS BESONDERE AM PLAN IST ALSO VOR ALLEM SEIN VARIATIONSREICHTUM?

Hans van der Heijden: Ja, und zwar auf urbanem wie auf architektonischem Maßstab. Es gibt Alleen, Gässchen, Plätze, kleine und größere Straßen, aber auchReihenhäuser, Eckhäuser und Wohnblöcke mit mehreren Etagen. Das Viertel ist viel abwechslungsreicher geworden als es vorher war. Und das, obwohl alles aus einem Guss ist.

 

WIEVIELE VERSCHIEDENE WOHNUNGSTYPEN GIBT ES DENN?

Hans van der Heijden: Sehr viele, wenn man alle kleinen Variationen mitrechnet. Es war unmöglich, beide Auftraggeber mit denselben Wohnungen zufriedenstellen. Einer der Auftraggeber wollte klassische niederländische Neubaugrundrisse: tief, mit schmalem Achsmaß und der Küche hinter dem Straßenfenster. Der andere wollte hingegen, dass die Wohnungen stark zur Straße orientiert wären. Also haben wir ein Basishaus mit 45 Grad Dachschräge entworfen, bei dem die Traufhöhe und die Gestaltung des Fensterbandes im Obergeschoss festgelegt sind, das aber mal schmaler, mal breiter, mal tiefer sein kann, ohne dass das groß auffällt. Etwa 75 Prozent der Häuser entsprechen diesemTyp, aber an manchen Stellen mussten wir Ausnahmen machen, zum Beispiel auf den Ecken. Wir fanden zum Teil auch, dass die Reihen zu lang wurden und haben sie bewußt unterbrochen. Alle Typen, die aus dem Rahmen fallen, haben Flachdächer bekommen.

 

SIEHT MAN DEN EINZELNEN HÄUSERN VON AUSSEN AN, OB SIE ZUM SOZIALEN MIET- ODER ZUM EIGENTUMSSEGMENT GEHÖREN?

Hans van der Heijden: Nein, gar nicht, denn es sind dieselben Häuser und sie sind überall im Viertel verteilt. Nur das betreute Wohnen befindet sich mehr oder weniger erkennbar in zwei gegenüberliegenden Wohnblöcken, die so etwas wie eine Torsituation bilden.

 

ANGESICHTS DER EINBINDUNG IN DEN HISTORISCHEN ZUSAMMENHANG WAR ES VERMUTLICH NAHELIEGEND, BACKSTEIN ALS FASSADENMATERIAL ZU BENUTZEN, ODER?

Hans van der Heijden: Ja, völlig. Wir haben nie eine Alternative in Erwägung gezogen. Die Niederlande sind eine Backsteinnation, und Lakerlopen ist ein Backsteinviertel – wobei die Häuser aus den verschiedenen Jahrzehnten alle aus unterschiedlichen Ziegeln bestehen. Wir haben einen orangefarbenen gesinterten Stein gewählt, der in die vorhandene Palette passte. Letztlich haben wir beschlossen, die Häuser ganz Ton in Ton zu gestalten und auch die Betonelemente im selben Orangeton zu färben. Das verleiht dem Projekt eine gewisse Homogenität. Der Stein ist im Wildverband gemauert, ohne Stoßfugen. Dadurch mussten die Maurer nicht allzu präzise arbeiten und entstand außerdem eine sehr horizontale Gliederung der Fassade, die die Horizontalität des Fensterbandes ergänzt.

 

DIE BAUKOSTEN BETRUGEN NUR 850 EURO PRO QUADRATMETER. DAS IST SELBST IM NIEDERLÄNDISCHEN ZUSAMMENHANG, WO DANK STANDARDISIERUNG OHNEHIN GÜNSTIGER GEBAUT WIRD ALS IN VIELEN ANDEREN LÄNDERN, SEHR NIEDRIG. WIE HABEN SIE DAS HINBEKOMMEN?

Hans van der Heijden: Naja, das sind die durschnittlichen Kosten. Manche Basisreihenhäuser waren nochviel günstiger, während die Kosten bei den Wohnblöcken eher bei 1.100 Euro pro Quadratmeter lagen. Aber in den Häusern stecken nicht viele Innovationen; ein niederländischer Generalunternehmer kann sie mit links bauen. Das einzige, was nicht dem Standard entspricht, ist die Position des obersten Geschossbodens, denn er schließt etwas oberhalb der Traufe an das Dach, um das Volumen des Dachbodens zu reduzieren. Sonst haben wir uns wirklich mit Standardlösungen zufrieden gegeben. Solche großen Projekte werden von großen Generalunternehmern ausgeführt, die am liebsten auf das zurückgreifen, was sie am besten können. So jemandem muss man keine Kunststücke aufzwingen wollen. Nur die Details für das Fensterband und die Regenrohre haben wir selber entworfen. Eigentlich ist daseine lustige Geschichte, denn wir hatten die Fenster zunächst mit gewöhnlichen Holzrahmen gezeichnet. Aber wir lagen von Anfang an gut im Budget und irgendwann sagten die Auftraggeber: Wir haben noch Spielraum, vielleicht können wir irgendwo noch etwas Luxus hinzufügen? Da hatte ich die Idee, die Fensterrahmen und Regenrinnen aus eloxiertem Aluminium zu machen. Das hat den Häusern ästhetisch sehr geholfen.

 

MUSSTEN SIE AN ANDERER STELLE NOCH KOMPROMISSE EINGEHEN?

Hans van der Heijden: Ach, es gibt doch immer Dinge, die nicht klappen ... Wir hatten zum Beispiel eine doppelte Haustür vorgeschlagen, bei der man die obere Hälfte separat öffnen kann. Das fanden alle eine gute Idee, denn es hatte auch viel mit dem Wohnen auf derStraße zu tun. Aber die Wohnungsbaugesellschaften fanden es nicht gut, vermutlich aus Unterhaltsgründen. Sie haben es nie so recht begründet. Aber im Großen und Ganzen verlief der Planungsprozess reibungslos. Das dürfte auch daran liegen, dass die großen Konflikte bereits während der Ausarbeitung des Städtebauplans ausgetragen wurden.

 

WIE VERHÄLT SICH DIESES PROJEKT ZU IHRER ARCHITEKTUR IM ALLGEMEINEN? IST ES REPRÄSENTATIV FÜR DIE ARBEIT VON BIQ?

Hans van der Heijden: Ich denke, dass diesen Plan ein rationalistischer Haltung kennzeichnet, der uns allgemein sehr anspricht. Und ich bin immer noch froh, dass dieser Entwurf viel Verhandlungsspielraum bietet. Er ist nicht völlig perfekt – wie das Gesicht eines geliebten Menschen, auf dem man kleine Fältchen sieht, das aber dadurch nicht unattraktiver wird. Es muss nicht immer alles hundertprozentig sein.

 

IHRE ARCHITEKTURSPRACHE IST RELATIV ZURÜCKHALTEND UND PASST NICHT IN DAS BILD DER POPPIGEN, SUBVERSIVEN NIEDERLÄNDISCHEN ARCHITEKTUR, DAS VOR ALLEM IN DEN AUSLÄNDISCHEN MEDIEN NOCH IMMER VERMITTELT WIRD.

Hans van der Heijden: Das stimmt. Als Rick Wessels und ich das Büro 1994 gründeten, begann der Superdutch-Hype gerade, und wir waren beide nicht sehr glücklich darüber. Wir fanden diese Architektur sehr überheblich und nahmen ein Unvermögen der Architekten wahr, sich die Hände im Stadtzusammenhang, also im wahren Leben schmutzig zu machen. Dann gewannen wir einen Europan-Wettbewerb in England und fanden uns plötzlich in einem ganz anderen Kontext wieder. Während hier MVRDV die Richtung bestimmten, gab es in London Büros wie Caruso St John und Sergison Bates. Der Dialog mit ihnen wurdefür uns sehr wichtig. Man kann sagen, dass wir im Ausland erwachsen geworden sind. Jetzt ist die Superdutch- Zeit vorbei. Interessant finde ich, dass es noch keine neue Richtung gibt. Die Situation ist nun viel offener. Das finde ich für die Architektur eigentlich viel besser.

 

SIE ARBEITEN VIEL MIT BACKSTEIN. LIEGT DAS NUR DARAN, DASS DAS IM NIEDERLÄNDISCHEN WOHNUNGSBAU DER GÄNGIGE STANDARD IST, ODER GIBT ES NOCH ANDERE GRÜNDE?

Hans van der Heijden: Ich finde es einfach ein sehr schönes Material. Aber es hat in der Tat auch mit der Rolle des Architekten im Bauprozess zu tun. In den Niederlanden wird mit Backstein gebaut. Das können wir gut. Wir haben keine Ahnung von Stahl- oder Holzbau. Ich optimalisiere lieber etwas, was ohnehin schon sehr gut ist, als dass ich gegen den Strom schwimme und etwas ganz neues ausprobiere. Aber als wir zum Beispiel in Liverpool das Kunstzentrum Bluecoat bauten, haben wir auch Backstein benutzt, obwohl das dort eine eher ungewöhnliche Materialwahl war.

 

SIE SIND, UNTER ANDEREM DURCH DEN GEWINN DES FRITZ-HÖGER-PREISES, IN LETZTER ZEIT VIEL MIT DER DEUTSCHEN ARCHITEKTURWELT IN BERÜHRUNG GEKOMMEN. WAS MACHT IHREN ARCHITEKTONISCHEN ANSATZ FÜR DEUTSCHE ARCHITEKTEN ODER AUFTRAGGEBER INTERESSANT?

Hans van der Heijden: Ich höre oft von Deutschen, dass wir nicht so verbissen seien. Ich finde, das trifft es ganz gut.

 

Das Interview führte Anneke Bokern

 

Interview_VORteile_01-2013

Prolin | Weberwürschinger Architekten | Einreichung im Rahmen des Fritz-Höger-Preises 2014